Das Fachwissen zu Demenzen ist in den letzten Jahren enorm gewachsen: differenzierte Diagnostik, neue medikamentöse und nicht-medikamentöse Ansätze, neue Standards in der Versorgung. Die S3-Leitlinie Demenzen (2023, 2025) bildet erstmals seit 2023 als Living Guideline ab, wie dynamisch das Forschungs- und Versorgungsfeld bezüglich Demenzen ist, und die Nationale Demenzstrategie (2020) als konzertiertes Bündnis setzt ein starkes politisches Signal für die deutschlandweite Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen. Mit der Zulassung des ersten krankheitsmodifizierenden Medikaments Lecanemab im Frühjahr 2025 sind seit Herbst 2025 die ersten Therapien auch in Deutschland möglich. Der Fokus liegt damit stärker auf der frühen Versorgung. Was dabei allerdings nicht untergehen darf: Neben den medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten gibt es eine Vielzahl nicht-medikamentöser Ansätze, die nicht wie zweite Wahl klingen dürfen. Psychotherapie gehört dazu und liefert etwas, was in der reinen medikamentösen Versorgung häufig nicht prioritär behandelt werden kann: Sie schafft Räume, in denen Angst, Scham, Wut, Trauer und auch Hoffnung Platz haben. Räume, in denen nicht die Testwerte im Vordergrund stehen, sondern die subjektive Erfahrung. Demenz bedeutet nicht nur kognitive Einbußen, sondern auch existenzielle Erschütterung: Wer bin ich, wenn ich mich nicht mehr auf mein Gedächtnis verlassen kann? Was bleibt von mir, wenn andere beginnen, über mich zu sprechen, statt mit mir? Wie halte ich aus, dass ich merke, wie ich etwas verliere?

Und diese Fragen bewegen viele – nicht nur die Menschen mit Demenz selbst, sondern ebenso ihre An- und Zugehörigen. Aktuell leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz (Blotenberg et al., 2023). Dabei werden über drei Viertel von ihnen von informell pflegenden Angehörigen in der Häuslichkeit versorgt (Brodaty & Donkin, 2009). Gleichzeitig wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Zahl der Menschen mit Demenz in den kommenden Jahren weiter steigen wird: So prognostizieren Blotenberg et al. (2023) vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), dass bis zum Jahr 2050 bis zu 2,7 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland leben werden. International schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass die Zahl von rund 57 Millionen Menschen mit Demenz weltweit im Jahr 2021 jährlich um nahezu 10 Millionen neue Fälle zunimmt (WHO, 2025). Zurückgeführt wird dieser Anstieg vor allem auf den demografischen Wandel und die damit verbundene höhere Lebenserwartung, denn der größte Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz ist das Alter. Gleichzeitig wächst auch das Wissen zur Prävention stetig. Die Lancet Commission aktualisiert regelmäßig Zahlen zu modifizierbaren Risikofaktoren für Demenzen (Livingston et al., 2017, 2020, 2024): Ausgehend von 35% im Jahr 2017 liegt der Anteil mittlerweile bei 45%. Konkret bedeutet dies: 45% der Demenzen wären durch das gezielte Adressieren von Risikofaktoren potenziell vermeidbar. Diese Zahlen machen Mut, Demenz noch einmal anders zu denken – jenseits der reinen Defizitperspektive. Demenz muss kein unabwendbares Schicksal sein: Über viele Stellschrauben lassen sich Beginn und Verlauf beeinflussen. Entsprechend deutet sich im Narrativ rund um Demenzen ein Paradigmenwechsel an. Der bislang häufig beobachtete therapeutische Nihilismus wird durch die Zulassung eines krankheitsmodifizierenden Medikaments herausgefordert; der Fokus verschiebt sich zunehmend hin zu Prävention und früher Begleitung.

Entsprechend wurde auch die Auswahl der Beiträge für dieses Heft getroffen: Ihr gemeinsamer Nenner ist eine ressourcenorientierte Perspektive auf die Behandlung und Begleitung von Menschen mit Demenz und/oder ihren Angehörigen. Dabei werden unterschiedliche Versorgungssettings schulenübergreifend in den Blick genommen – von ambulant bis stationär, von Einzel- bis Gruppentherapien, von tiefenpsychologisch-fundierten über neuropsychologischen bis kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätzen.

Den Auftakt bildet ein Überblicksbeitrag von Wetzel und Wuttke zu Diagnostik, Behandlung und Therapie, in dem das aktuelle Leitlinienwissen zu Demenz mit einem besonderen Fokus auf die frühen Phasen der Demenz und die Möglichkeiten der Psychotherapie zusammengefasst wird. Daran schließen sich Beiträge zu konkreten Behandlungsansätzen an: Forntheil und Werheid stellen die Kognitive Stimulationstherapie (KST) vor, mit der Menschen mit Demenz in der Gruppe gemeinsam behandelt werden. In der Rubrik »Institutionen stellen sich vor« wird dies von Bahar Saradjuk ergänzt, die die konkrete Umsetzung der Kognitiven Stimulationstherapie im Krankenhaus Bethel beschreibt. Wörmann beschreibt ein stationäres tiefenpsychologisches Gruppentherapiekonzept für hochbetagte Menschen mit kognitiven Einschränkungen im akutpsychiatrischen Setting. Aus kognitiv-verhaltenstherapeutischer Perspektive skizzieren Risch, Hilbert, Buschek und Wilz eine ambulante kognitiv-verhaltenstherapeutische Gruppenpsychotherapie für Menschen mit Demenz und geben Einblicke darein, wie diese von den Teilnehmenden selbst und ihren Angehörigen erlebt und bewertet wird. Die häufig als »unsichtbare zweite Patient:innen« (Brodaty & Donkin, 2009) bezeichneten pflegenden Angehörigen stehen im Zentrum des Beitrags von Kalytta und Wilz, in dem eine kognitiv-verhaltenstherapeutische Telefonintervention für belastete Angehörige vorgestellt wird. In einer abschließenden empirischen Arbeit werden Befunde zu antizipatorischer Trauer und zum Besuchsverhalten ehemals pflegender Angehöriger von Menschen mit Demenz im Pflegeheim von Königer, Wetzel und Wuttke berichtet. Flankiert werden diese Beiträge von einem kritischen Zwischenruf, in dem Wuttke ein Plädoyer für eine stigmafreie Sprache hält. Entsprechend wird im Heft durchgehend von Menschen mit Demenz und nicht von Betroffenen oder Patienten gesprochen.

Im Sinne des Titelbildes »Uhr ohne Zeiger« möchten wir mit diesem Heft Orientierung für die psychotherapeutische Begleitung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen bieten – getragen von einer Haltung, die Ressourcen und Würde in den Mittelpunkt stellt. Wir wünschen uns, dass die Leser:innen von PiA darin anregende Impulse finden, die sowohl die praktische Arbeit als auch die persönliche Haltung zum Thema Demenz bereichern. Und als Heftherausgeberinnen verbinden wir damit die Hoffnung, dass es nun nach über 20 Jahre PiA hoffentlich nicht das erste und letzte Heft zum Thema Demenzen gewesen sein wird.

Alexandra Wuttke & Anne Katrin Risch: Editorial zum Themenheft “Demenzen”