2026 Heft 1: Eine Institution stellt sich vor

Bahar Saradjuk

Kognitive Stimulationstherapie (KST) bei Menschen mit Demenz: Erfahrungen aus einem akutpsychiatrischen stationären Setting

Während pharmakologische Ansätze nur in bestimmten Stadien der Demenzbehandlung eine Rolle spielen, rücken nicht-medikamentöse Interventionen zunehmend in den Fokus, insbesondere solche, die auf Erhalt und Aktivierung vorhandener Ressourcen zielen. In mehreren randomisiert-kontrollierten Studien konnten für die KST signifikante Verbesserungen in kognitiven Skalen (z.B. ADAS-Cog) sowie in der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (QoL-AD) (Aguirre et al., 2013) oder auch der allgemeinen Stimmung in Zusammenhang mit einer Demenzerkrankung (Zubatsky et al., 2023) nachgewiesen werden.

Seit Frühjahr 2023 wird die KST auch im Evangelischen Klinikum Bethel (EvKB), Universitätsklinik in Bielefeld, im Bereich der Gerontopsychiatrie mit drei Stationen und insgesamt etwa 60 Bettplätzen stationsübergreifend angewendet. Da die durchschnittliche Verweildauer der Patient:innen im stationären Setting des EvKB begrenzt ist, wurde das klassische Manualformat von 14 auf sechs bis acht Sitzungen verkürzt, sodass spätestens alle vier Wochen von vorn gestartet wird. Inhaltlich werden die Themen »Wörter, Mannschaftsspiele, Bewegung, Nahrungsmittel, Zusammenhänge finden, Kreativität, Kategorisieren und Orientierung« aus dem Manual aufgegriffen. Ein weiterer Unterschied besteht im (sonst geschlossenen) Gruppenformat, das offen angelegt ist, sodass ein fließender Einstieg möglich bleibt. Da die Patient:innen aufgrund ihrer gesundheitlichen Verfassung nicht an allen Tagen gleichermaßen belastbar sind, kann die eigentliche Teilnahmefrequenz (zweimal wöchentlich) variieren. Das Vergessen, als zentrales Symptom der Demenz, wird bei der Planung unserer therapeutischen Interventionen berücksichtigt. Wiederholungen therapeutischer Inhalte sind daher nicht nur sinnvoll, sondern notwendig, um den Erinnerungsfaktor durch wiederholtes eigenes Tun zu verstärken. Vor diesem Hintergrund können unsere Patient:innen so lange an der KST teilnehmen, wie sie sich in unserer stationären Behandlung befinden.

Neben den üblichen, schon bestehenden und »gewohnten« Therapieangeboten wurde somit ein neues Angebot geschaffen. Für solche Vorhaben fehlen im klinischen Kontext meist zeitliche wie personelle Ressourcen. So stellte unserer Erfahrung nach beispielsweise die Materialvorbereitung anfangs eine gewisse Hürde dar, da jede KST-Sitzung spezifische Requisiten, Technik, Bilder oder Gegenstände erfordert. Mit zunehmender Erfahrung konnten jedoch Vorlagen, Abläufe und Materialien wiederholt genutzt und das therapeutische Verhalten routiniert werden, sodass der Aufwand im Verlauf deutlich reduziert wurde. Auch die Auswahl geeigneter Teilnehmer:innen erfolgte zunächst nicht selbsterklärend. Es wurde dafür zu Beginn ein Kriterienkatalog erstellt, doch stellte sich schnell heraus, dass in der Praxis ein gewisses Maß an Flexibilität nötig ist. Gruppenfähigkeit ist nach wie vor eine Grundvoraussetzung, doch wird bewusst nicht allzu streng nach Schweregrad der Demenz oder der Diagnose selektiert. Auch Patient:innen, bei denen differenzialdiagnostisch noch Unklarheit besteht, dürfen an der Gruppe teilnehmen. Die Gruppe soll niederschwellig und offen sein – und wird auch als Angebot zur Teilhabe verstanden. Ein wichtiger Bestandteil ist dabei die therapeutische Steuerung eines ausgewogenen Gruppenprozesses: Alle Teilnehmenden dürfen sich einbringen, ohne dass eine Verpflichtung dazu besteht. Dominante Patient:innen werden behutsam in ihrer Aktivität »aufgefangen« (z.B. durch gesonderte Zuwendung), während zurückhaltende Teilnehmer:innen aktiv in die Konversationen eingebunden und ermutigt werden, sich zu beteiligen, um eine lebendige und wertschätzende Kommunikation und Atmosphäre unter allen Beteiligten zu schaffen. Eine weitere Schwierigkeit war und ist die Zusammenführung der Patient:innen aus den unterschiedlichen Stationen. Allgemein ist uns ein stationsübergreifendes Angebot sehr wichtig, um allen Patient:innen individuell und auf sie zugeschnitten therapeutisch begegnen zu können – dies sollte auch für die KST gelten. Die Bewerkstelligung dessen geht jedoch mit infrastrukturellen Voraussetzungen einher: In erster Linie wird ein ruhiger Raum mit ausreichend Platz und außerhalb der Stationen benötigt. Kollegiale, organisatorische Absprachen zur Raumnutzung mit anderen Therapeut:innen müssen geklärt werden. Darüber hinaus benötigt die Umsetzung der KST zu jeder Sitzung eine gewisse logistische Planung. Die Patient:innen werden vor jeder Einheit von zwei Ergotherapeut:innen von den Stationen abgeholt und in die Gruppe begleitet. Die Intervention erfordert daher eine gewisse organisatorische Vorlaufzeit, insbesondere da die Patient:innen selbst oftmals nicht mehr in der Lage sind, an eine regelmäßige Teilnahme zu denken und sie daher auf den Stationen erst »gefunden« und an die KST erinnert werden müssen. Daher ist das Einbinden der Pflegefachkräfte unverzichtbar – insbesondere in der Einführungsphase der Gruppe. Dadurch, dass die Patient:innen nicht immer selbst daran denken (können), spielt die Haltung des Fachpersonals, im Sinne einer Erachtung der KST (wie auch jeder anderen Therapieintervention) als wichtig und für den:die Patient:in bedeutsam, hier eine große Rolle. Ein »Kippen« in das gewohnte Therapieangebot, das meist auf der Station selbst stattfindet und daher einfacher in der Umsetzung ist, geht schnell. Es benötigt einen ernsthaften Wunsch aller Beteiligten, eine neue therapeutische Intervention zu etablieren!

Für Patient:innen, die aufgrund kognitiver oder körperlicher Einschränkungen nicht an der Gruppe teilnehmen können, wurde versucht, den Grundgedanken der KST in Form basaler Sinnesaktivierung in den Einzelkontakt zu übertragen. Hierfür wurde ein sogenannter »Snoezelwagen« entwickelt, der verschiedene Materialien zur haptischen, visuellen, auditiven und olfaktorischen Stimulation bereithält. So können auch bei fortgeschrittener Demenz Reize gesetzt und positive emotionale Reaktionen gefördert werden – ein wichtiger Bestandteil palliativer Aktivierung.

Die therapeutischen Fachkräfte selbst erhalten eine professionelle Schulung für die Durchführung der KST. Diese Schulungen – etwa über die Berliner Akademie für Neuropsychologie (ANBER) – beinhalten nicht nur die methodische Vermittlung des Gruppenkonzepts, sondern legen besonderen Wert auf die therapeutische Haltung: wertschätzend, nicht korrigierend, ermutigend und aktivierend. Neue Mitarbeitende, die künftig mit der KST arbeiten, erhalten in unserer Klinik diese Schulung im Verlauf ihrer Tätigkeit.

Nach jeder Sitzung erfolgt zudem eine systematische Evaluation durch die beiden Gruppenleitenden. Die Wirkung jeder einzelnen Sitzung auf jede:n Teilnehmer:in wird dokumentiert; dafür wurde (angelehnt an den im Manual bereitgestellten Evaluationsbogen) eine evaluative Verlaufsdarstellung in Diagrammform entwickelt, um den interdisziplinären Austausch zu erleichtern und Entwicklungen der Patient:innen sichtbar zu machen. Die KST ist jetzt ein integraler Bestandteil des stationären therapeutischen Alltags der gerontopsychiatrischen Versorgung am EvKB. Die Rückmeldungen der Patient:innen, aus interdisziplinären Teams, von Pflegenden und von Angehörigen sind durchweg positiv.

Im Rückblick lässt sich festhalten, dass die Einführung der KST zwar strukturelle und personelle Anforderungen mit sich bringt, sich aber in der praktischen Umsetzung als ausgesprochen lohnend erwiesen hat. Die KST wird von Patient:innen gerne angenommen, stärkt die therapeutische Beziehung und bietet Raum für positive, wertschätzende Begegnung auf Augenhöhe. Besonders erfreulich ist zudem, dass die Gruppensitzung durch ihre Dauer von circa 90 Minuten auch entlastend für das Stationspersonal wirkt.

Zukünftig soll das Konzept systematisch wissenschaftlich begleitet werden, um weitere Erkenntnisse zur Wirksamkeit unter stationären Bedingungen zu gewinnen. Bedauerlich bleibt, dass die KST im deutschsprachigen Raum und im ambulanten Bereich bislang nur selten Einzug gehalten hat. Dabei böte sie – beispielsweise im Rahmen von Tagespflegen oder in Altenpflegeheimen – eine wertvolle Möglichkeit, die im stationären Kontext begonnene therapeutische Arbeit fortzusetzen. Denkbar wäre etwa der Einsatz des KST-Aufbauprogramms, das nach dem Grundkurs Anwendung finden kann. Eine kontinuierliche Anwendung über die verschiedenen Versorgungsstufen hinweg könnte zur Nachhaltigkeit der Therapieerfolge beitragen. Die hier dargestellte Umsetzung versteht sich daher nicht als Modell mit Alleinstellungsanspruch, sondern ausdrücklich als Anregung zur Nachahmung.

Bei Fragen wenden Sie sich gerne an die Autorin (s. Korrespondenz).

Literatur

Aguirre, E., Hoare, Z., Streater, A., Spector, A., Woods, B., Hoe, J. & Orrell, M. (2018). Kognitive Stimulationstherapie (KST) – Deutschsprachige Ausgabe des Manual zur Kognitiven Stimulationstherapie bei Demenz. Herausgegeben von Katja Werheid. Hogrefe Verlag.

Deutsche Alzheimergesellschaft (2024). Zahlen und Fakten. www.deutsche-alzheimer.de

DGN & DGPPN (2025). S3-Leitlinie Demenzen. AWMF-Registernummer 038-013. www.awmf.org

Spector, A., Orrell, M., Davies, S. & Woods, B. (2003). Can reality orientation be rehabilitated? Development and piloting of an evidence-based programme of cognitive stimulation therapy for people with dementia. Neuropsychological Rehabilitation, 11(3–4), 377–397.

Spector, A., Gardner, C. & Orrell, M. (2011). The impact of Cognitive Stimulation Therapy groups on people with dementia: Views from participants, their carers and group facilitators. Aging & Mental Health, 15(8), 945–949.

World Health Organization (2019). Risk reduction of cognitive decline and dementia: WHO guidelines. WHO Press.

Zubatsky, M., Khoo, Y.M., Lundy, J., Blessing, D., Berg-Weger, M., Hayden, D. & Morley, J.E. (2023). Comparisons of cognitive stimulation therapy between community versus hospital-based settings: A multi-site study. Journal of Applied Gerontology, 42(2), 185–193.

Die Autorin

Bahar Saradjuk, Jg. 1980, Dipl. Psych., ist approbierte Psychotherapeutin (VT). Nach Studium und Ausbildung in Bielefeld ist sie seit 2020 in »Bethel« tätig, seit 2022 ist sie die therapeutische Leitung der Abteilung für Gerontopsychiatrie sowie seit 2025 der Psychiatrischen Institutsambulanz am Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld. Sie arbeitet klinisch wie auch in der Versorgungsforschung.

Kontakt

Bahar Saradjuk
Abteilung für Gerontopsychiatrie
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Evangelisches Klinikum Bethel
Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld
Campus Bielefeld Bethel
E-Mail: bahar.saradjuk@evkb.de