2026 Heft 3: Eine Institution stellt sich vor
Elke Schilling (Berlin)
Silbernetz e.V. – einfach mal reden
Das dreistufige telefonische Angebot für ältere Menschen in Deutschland – anonym, vertraulich, kostenlos für Anrufende (PDF)
Silbernetz e.V. bietet seit 2020 bundesweit Hilfe für ältere Menschen (60 plus) mit Einsamkeitsgefühlen. Mit einem dreistufigen Angebot öffnet es Türen aus der Isolation:
– Silbertelefon:Täglich von 8 bis 22 Uhr finden Senior:innen unter 0800 4 70 80 90ein offenes Ohr zum »einfach mal Reden und einfach mal Zuhören.« Von Heiligabend um 8 Uhr bis Neujahr um 22 Uhr ist das Silbertelefon rund um die Uhr erreichbar – deutschlandweit.
– Silbernetz-Freund*innen: Für regelmäßige persönliche Telefongespräche werden interessierte Senior*innen mit Ehrenamtlichen vernetzt, die dann einmal pro Woche für ein persönliches Telefongespräch anrufen. Das schenkt Kontakt, Austausch, Ermutigung.
– Silberinfo: Deutschlandweit werden am Telefon Informationen zu Basisangeboten der Altenhilfe, Gesundheit und Pflege vor Ort gegeben.
Dieser Service von Silbernetz ist für Anrufende vertraulich, anonym und kostenfrei.
Einsamkeit
Es bedurfte einer Pandemie, damit das Thema Einsamkeit in Deutschland auch außerhalb der Feiertage am Jahresende öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr. Forschungen und Veröffentlichungen belegen, dass Einsamkeit in allen Altersgruppen ein komplexes gesellschaftliches Problem mit vielfältigen gesundheitlichen, wirtschaftlichen und politischen Folgen ist.
Einsamkeit wird als das subjektive Gefühl definiert, zu wenige oder nicht ausreichende soziale Kontakte zu haben. Auch wenn Menschen in jedem Alter davon getroffen werden können, für Ältere ist die Wahrscheinlichkeit, wieder neue erwünschte Kontakte zu schließen und damit aus der Einsamkeit herauszukommen, signifikant geringer, die Folgen damit drastischer.
Das ist der Grund, warum Silbernetz sich an Menschen 60 plus wendet. Nach einer vierjährigen Gründungsphase ging das Angebot im Herbst 2018 in Berlin an den Start und hatte so bereits zu Beginn der Coronapandemie ausreichend Erfahrung gesammelt, um schließlich für ganz Deutschland zur Verfügung zu stehen. Seitdem wurde die Rufnummer der Hotline (Silbertelefon) 1.100.000 Mal gewählt und es wurden tausende Gespräche mit älteren Menschen aus allen Gegenden Deutschlands geführt. Es ist die öffentliche Präsenz von Silbernetz, die insbesondere in Fernsehen und Rundfunk, den für fast alle zugänglichen Massenmedien, dafür sorgt, dass die Rufnummer auch dort wahrgenommen wird, wo Menschen nahezu vollständig aus dem Kontakt geraten sind.
Niedrigschwelligkeit und Anonymität
Für die große Mehrheit der Älteren sind Fernsehen und Telefonieren kulturelle Techniken, die seit Jahrzehnten vertraut und zugänglich sind und in ihrer Nutzung einen hohen Grad an Autonomie und Sicherheit gewähren. Mit der Spezialisierung auf die Zielgruppe der Älteren und – im weitesten Sinne – auf das Thema Einsamkeit sowie mit der Dreistufigkeit von Hotline, Freundschaft und Information unterscheidet sich Silbernetz gravierend von der Telefonseelsorge. Auch wenn sich die Themen mitunter gleichen, sind Anliegen und Anspruch an Silbernetz »einfach mal reden«, Anteilnahme, Empathie, aber auch die Akzeptanz, dass Veränderung im Alter mitunter nicht mehr möglich ist. Beratung, therapeutische Leistungen, persönliche Kontakte, Besuche – all das findet im Silbernetz nicht statt. Wo sich etwas im Gespräch als notwendig oder wünschenswert erweist, werden Rufnummern und Kontaktadressen weitergegeben (Silberinfo), wobei es Anrufenden überlassen bleibt, ob sie diese für sich nutzen wollen oder nicht. Die Anonymität des Gesprächskontaktes erlaubt es einerseits, Themen anzusprechen, die im persönlichen Kontakt unaussprechlich erscheinen oder das Gespräch abzubrechen, wo es nicht (mehr) akzeptabel erscheint und schützt andererseits davor, sich unerwünschter Hilfe ausgesetzt zu sehen, die zurückzuweisen im persönlichen Kontakt schwerfallen kann.
Ohr und Stimme der unsichtbaren Älteren
Unsere Zielgruppe umfasst Menschen im Alter zwischen 60 und 110 Jahren – die zeitlich längste Lebensphase. Damit ist auch die größte Vielfalt menschlicher Erfahrungen und (Über-)Lebensstrategien verbunden, neben all der Diversität, die aufgrund aller vorherigen Lebensphasen besteht. Diese Vielfalt findet sich kaum in den öffentlich präsenten Altersbildern, die oftmals Alter auf negative Merkmale reduzieren wie Kostenfaktoren, Überalterung, Multimorbidität o.Ä. In einer Zeit, in der erstmals die Mehrheit der Lebenden ein hohes Alter bei oft guter Gesundheit erleben kann, können fast alle auch Formen von Ageismus (Diskriminierung, Stereotypien, Vorurteile) einschließlich der mitunter fatalen Folgen erfahren (Sieben Jahre länger leben? – Silbernetz). Langlebigkeit, ein Geschenk unserer Zeit, wird als solches eher nicht wahrgenommen. Silbernetz sieht sich demzufolge auch in der Verpflichtung, genau das öffentlich zu vertreten: In nationalen Organisationen, wie der BAGSO (Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen) und internationalen Organisationen wie der GAROP (Global Action for the Rights of Older People) oder GILC (Global Initiative for Loneliness and Connection). Viele der Erfahrungen und Schlussfolgerungen aus der Arbeit von Silbernetz finden sich bei Schilling (2024). Die Wirkung des Silbertelefons, des Basisangebotes vom Silbernetz, wird derzeit vom DZA evaluiert, dem Deutschen Zentrum für Altersfragen. Die Ergebnisse sind im Sommer 2026 zu erwarten.
Fazit und Ausblick
Jährlich wächst das Anrufaufkommen am Silbertelefon um etwa 20%, damit wachsen auch die Kosten, um das dreistufige Angebot aufrechterhalten zu können. Obwohl in allen Bundesländern genutzt, beteiligen sich derzeit nur die Länder Berlin und NRW an den Kosten. Der größere Anteil muss durch Stiftungen und Spenden finanziert werden. Das soziale Unternehmen mit etwa 25 Beschäftigten und 350 Ehrenamtlichen stellt sich damit ständig unter großem Druck der Herausforderung, ein gutes und notwendiges Angebot aufrechtzuerhalten und entsprechend dem Bedarf mitwachsen zu lassen.
Literatur
Schilling, E. (2024). »Die meisten wollen einfach mal reden«: Strategien gegen Einsamkeit im Alter. Westend Verlag.
Kontakt
Elke Schilling, 1. Vorsitzende Silbernetz e.V.
Wollankstraße 98
13359 Berlin
E-Mail: e.schilling@silbernetz.de
www.silbernetz.org
