Konzept- und fallbezogene Darstellungen zum Themenheft “»When I’m Sixty-Four«”
Tobias Becker (Gießen):
Individuelle Altersbilder im Spannungsfeld zwischen Sehnsüchten, Ängsten und Hoffnungen[1](Abstract) (PDF)
Zusammenfassung: Neben dem Modell verinnerlichter Altersstereotypen lässt sich das individuelle Altersbild aus psychoanalytischer Sicht auch als eine Art Selbstrepräsentanz verstehen. Diese erscheint abhängig von frühen Objektbeziehungserfahrungen zu sein und kann im weiteren Verlauf durch eine individuelle neurotische Konfliktstruktur geprägt sein. Sehnsüchte können dabei als ein Gegengewicht zu den Ängsten vor dem Älterwerden verstanden werden. Es ergibt sich folglich ein Spannungsfeld zwischen Sehnsüchten und Ängsten, das sich im individuellen Altersbild verdichten kann. Für die Mentalisierung eines (positiven) Altersbildes sowie insbesondere für die intrapsychische Regulierung der damit einhergehenden Spannung sind wiederum hinreichend gute ich-strukturelle Fähigkeiten notwendig. Die Auseinandersetzung mit dem individuellen Altersbild erscheint in der Psychotherapie mit Älteren hilfreich zu sein, da sich darin unbewusste Konfliktthemen, ich-strukturelle Vulnerabilitäten sowie letztlich ein Spannungsfeld aus Sehnsüchten, Ängsten und Hoffnungen des Alterns verdichtet zeigen können.
Stichworte: Altersbild, Psychodynamik, Selbstrepräsentanz, Objektbeziehungstheorie, Ich-Struktur
[1] Dieser Beitrag ist die überarbeitete Form eines Vortrags, gehalten auf dem 37. Symposium »Psychoanalyse und Altern« in Kassel am 05.12.2025.
Nils F. Töpfer (Hamburg):
Halt’ dich an deiner Sehnsucht fest
Sehnsucht zwischen Nicht-Mehr und Noch-Nicht im Alter(n)[1](Abstract) (PDF)
Zusammenfassung: Ausgehend vom Beatles-Song When I’m Sixty-Four und aktuellen Befunden zu Vorstellungen vom Leben im Alter fragt der Beitrag nach der Bedeutung von Sehnsucht im höheren Lebensalter. Im Anschluss an Eriksons Entwicklungsaufgabe »Integrität versus Verzweiflung« wird der »atmende« Modus der Sehnsucht mit dem für Integrität notwendigen Aushalten von Unvollständigkeit und Ambivalenz sowie mit ihren reflexiven und evaluativen Prozessen in Verbindung gebracht. Verzweiflung erscheint hingegen als Ausdruck einer maligne entgleisten Sehnsucht, die sich im Depletion-Syndrom bei Depressionen im Alter widerspiegelt. Vor dem Hintergrund struktureller Parallelen zwischen der Dynamik der Sehnsucht und jener von Regression und Progression – im Sinne des Zusammenspiels von Nachwirkung und Rückwirkung sowie einer traumähnlichen Eigenzeit – wird dafür plädiert, Sehnsucht als zentralen Zugang zum Spannungsfeld von Nicht-Mehr und Noch-Nicht zu begreifen und so regressives Potenzial in der Psychotherapie älterer Patient:innen nutzbar zu machen.
Stichworte: Sehnsucht, Integrität, Verzweiflung, Regression, Psychotherapie im Alter
[1] Dieser Beitrag ist die überarbeitete Form eines Vortrags, gehalten auf dem 37. Symposium »Psychoanalyse und Altern« in Kassel am 06.12.2025.
Christiane Schrader (Frankfurt am Main):
Die »neuen« Wechseljahre der Frau (Abstract) (PDF)
Zusammenfassung: Ausgehend vom aktuellen Aufbegehren von Frauen gegen die Entwertung durch die Menopause und entwertende Altersbilder in der zweiten Lebenshälfte, werden die nachhaltigen Veränderungen im biopsychosozialen Prozess der Wechseljahre dargestellt. Weiter werden unbewusste Konflikte dieser Lebensphase diskutiert und psychotherapeutische Möglichkeiten anhand einer Fallvignette skizziert.
Stichworte: Wechseljahre, negative Altersbilder von Frauen in der zweiten Lebenshälfte, Neubewertung der Hormonersatztherapie, weiblicher Innenraum, weibliches Begehren
Marianne Leuzinger-Bohleber (Frankfurt am Main/Mainz):
Großmutter-Übertragung als Chance und Verführung (Abstract)(PDF)
Zusammenfassung: Der Beitrag untersucht das bislang wenig konzeptualisierte Phänomen der »Großmutter-Übertragung« in psychoanalytischen Behandlungen, insbesondere im Kontext des Alterns von Analytikerinnen und Analytikern. Ausgehend von klinischen Beobachtungen der MODE-Studie sowie im Dialog mit entwicklungspsychologischen und traumatheoretischen Ansätzen wird gezeigt, dass frühe Beziehungserfahrungen mit Großmüttern als »verkörperte Erinnerungen« (»embodied memories«) die therapeutische Beziehung wesentlich prägen können. Diese spezifische Übertragungsform entfaltet sich besonders in Analysen mit älteren Therapeut:innen und kann sowohl eine stabilisierende, sogar lebensrettende Funktion haben als auch regressiv-verführerische und destruktive Dynamiken aktivieren. Anhand klinischer Vignetten wird illustriert, wie positive Großmutter-Übertragungen an sichere frühe Objektbeziehungen anknüpfen und zur Bewältigung schwerer Krisen beitragen können. Gleichzeitig werden die »dunklen Seiten« dieser Übertragung reflektiert, etwa im Zusammenhang mit narzisstischer Vulnerabilität, Altersgrenzen und institutionellen Fragen der Generativität. Abschließend werden diese Konzeptualisierungen mit den Themen Altern, Resilienz, Trauma und die psychische Integration von Verlusten und Begrenzungen im späten Lebensalter diskutiert.
Stichworte: Großmutter-Übertragung, Altern von Psychoanalytiker:innen, Trauma, Resilienz, Generativität
Individual images of aging in the tension between longings, fears and hopes (English Abstract)
Abstract:In addition to the model of internalized age stereotypes, the individual image of aging can also be understood, from a psychoanalytic perspective, as a form of self-representation. This representation appears to depend on early object-relations experiences and may subsequently be shaped by an individual neurotic conflict structure. Longings can be understood as a counterbalance to fears of aging. Consequently, a field of tension emerges between longings and anxieties, which may become condensed in the individual’s image of aging. The mentalization of a (positive) image of aging, and in particular the intrapsychic regulation of the associated tension, requires sufficiently well-developed ego-structural capacities. Addressing the individual image of aging in psychotherapy with older adults appears to be helpful, as it may reveal condensed manifestations of unconscious conflict themes, ego-structural vulnerabilities, and ultimately a dynamic interplay of longings, fears and hopes related to aging.
Keywords: image of aging, psychodynamic, self-representation, object relations theory, ego-structure
Hold on to your longing
Sehnsucht (life longing) between »no-longer« and »not-yet« in later life (English Abstract)
Abstract: Starting from the Beatles’ song When I’m Sixty-Four and contemporary findings on conceptions of later life, this paper explores the significance of Sehnsucht (life longing) in older adulthood. Drawing on Erikson’s developmental task of ego integrity versus despair, the »breathing« mode of longing is linked to the capacity required for integrity: tolerating incompleteness and ambivalence, as well as engaging in reflective and evaluative processes. Despair, in contrast, is conceptualized as the outcome of a pathological fixation of longing, reflected in the depletion syndrome observed in late-life depression. Against the background of structural parallels between the dynamics of longing and those of regression and progression – understood in terms of »Nachträglichkeit« as the interplay of after-effects and retroactive re-signification, as well as a dream-like temporality –longing is proposed as a key point of access to the tension between »no-longer« and »not-yet«. In this way, regressive potential may be rendered therapeutically fruitful in psychotherapy with older patients.
Keywords: Sehnsucht (life longing), integrity, despair, regression, psychotherapy in later life
Women’s »new« menopause (English Abstract)
Abstract: Based on the current rebellion of women against the devaluation caused by menopause and devalued images of aging in the second half of life, sustainable changes in the biopsychosocial process of menopause are presented. Furthermore, unconscious conflicts in this phase of life are discussed and psychotherapeutic possibilities are outlined using a case vignette.
Keywords: menopause, negative images of aging among women in the second half of life, re-evaluation of hormone replacement therapy, female inner space, female desire
Grandmother transference: chances and risks (English Abstract)
Abstract: This article explores the scarcely conceptualized phenomenon of »grandmother transference« within psychoanalytic treatment, particularly in the context of the analyst’s aging. Drawing on clinical observations from the MODE study and integrating developmental and trauma-theoretical perspectives, the author demonstrates how early relationships with grandmothers, conceptualized as embodied memories, significantly shape the therapeutic relationship. This specific form of transference appears especially salient in treatments conducted by older analysts and may serve both stabilizing – even life-saving – functions and activate regressive, seductive, or destructive dynamics. Clinical vignettes illustrate how positive grandmother transference can connect to internalized secure object relations and support the management of severe crises. At the same time, the »darker sides« of this transference are addressed, including issues of narcissistic vulnerability, aging-related limitations, and challenges to professional generativity. Finally these conceptualisations are discussed with reflections on aging, resilience, trauma, and the integration of loss and limitations in later life.
Keywords: grandmother transference, aging of psychoanalysts, trauma, resilience, generativity
