Kritischer Zwischenruf zum Themenheft “Demenzen”
Alexandra Wuttke:
Es sind Menschen. Menschen mit Demenz. Punkt. (Abstract) (PDF)
Im Kontext von Demenzen stört mich, wie selbstverständlich von Dementen, Demenzkranken, Betroffenen oder Leidenden gesprochen wird – oder von Menschen, die »dement« oder »demenziell verändert« sind. Diese Begriffe sind nicht neutral. Sie sind abwertend, defizitorientiert und sie reduzieren Menschen auf ihre Diagnose. Dennoch sind diese Wörter omnipräsent in unserem Sprachgebrauch. Omnipräsent in der Öffentlichkeit, aber auch der Fachwelt. Sie werden in Medien, Alltag und Fachwelt weitertransportiert – vom Münchner Tatort (Flash, 2022) bis hin zu wissenschaftlichen Publikationen.
Dabei liegen fachlich fundierte Alternativen längst vor: Die Deutschsprachigen Alzheimer- und Demenz-Organisationen (DAD0, 2025) empfehlen ausdrücklich die Formulierung Menschen mit Demenz statt Demente. Entsprechende Empfehlungen finden sich auch in internationalen Sprachleitfäden (z. B. Alzheimer Society Canada, 2017). Und auch die aktuelle S3-Leitlinie Demenzen (DGPPN; 2023, 2025) spricht seit 2023 konsequent von Menschen mit Demenz – im Gegensatz zu den Vorgängerversionen von 2009 und 2016, in denen überwiegend von »Demenzkranken« die Rede war. Sprache kann sich also ändern.
Das Rational für diese Sprachempfehlungen ist klar: Sprache kann Stigma verstärken oder abbauen. Die Sprachempfehlungen sind also ein Versuch, das Stigma, mit dem Demenzen behaftet sind, zu reduzieren. Denn die Folgen des Stigmas sind für die Versorgung der Menschen mit Demenz und deren Angehörigen enorm: Der Welt-Alzheimerbericht aus dem Jahr 2021 beschreibt, dass weltweit 75% der Menschen mit Demenz keine formale Diagnose aufweisen und damit keinen Zugang zu den demenzspezifischen Versorgungsstrukturen haben. Einer der Gründe dafür: befürchtetes Stigma. Der Welt-Alzheimerbericht 2024 bestätigt dieses befürchtete Stigma, denn 88% der Menschen mit Demenz beschreiben Diskriminationserfahrungen.
Eine herabwürdigende Sprache ist Teil dieses Problems. Sie suggeriert, die Demenz beschreibe den ganzen Menschen – als wäre nichts anderes mehr da. Das ist falsch. Menschen mit Demenz haben Ressourcen, Beziehungen, Kompetenzen. Es sind Menschen, die auch eine Demenz haben – das Subjekt ist und bleibt der Mensch, nicht die Demenz.
Dabei geht es nicht darum, Demenzen schönzureden. Sie sind und bleiben eine schwere Erkrankung. Aber unsere Sprache ist derzeit so defizitorientiert, dass sie den Teufelskreis aus Rückzug, Scham und Schweigen eher befeuert als aufbricht. Ob wertschätzendere Sprache den Unterschied macht, wissen wir nicht. Sicher aber ist: Sie schadet auch nicht. Und vielleicht ist es genau jetzt an der Zeit, den Bias bewusst in Richtung Anerkennung zu verschieben.
In diesem Sinne: Es sind Menschen. Menschen mit Demenz. Punkt.
Literatur
Alzheimer Society of Canada. (2017). Person-centred language guidelines. Alzheimer Society of Canada. https://alzheimer.ca/sites/default/files/documents/Person-centred-language-guidelines_Alzheimer-Society.pdf (16.11.2025).
Deutschsprachige Alzheimer- und Demenz-Organisationen (DADO). (2020). Sprachleitfaden »Demenz«: Wie sprechen wir über Demenz in einer angemessenen Weise? Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz. https://www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/Alz/pdf/Broschueren/Sprachleitfaden-Demenz-INTERNET.pdf (16.11.2025).
DGN e.V. & DGPPN e.V. (Hrsg.). (2009). S3-Leitlinie Demenzen, 23.11.2009. https://dggpp.de/wp-content/uploads/2024/02/s3-leitlinie-demenz-kf.pdf (16.11.2025).
DGN e.V. & DGPPN e.V. (Hrsg.). (2016). S3-Leitlinie Demenzen, Januar 2016. https://www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/Alz/pdf/pressemitteilungen/S3-LL-Demenzen-240116.pdf.pdf (16.11.2025).
DGN e.V. & DGPPN e.V. (Hrsg.). (2023). S3-Leitlinie Demenzen, Version 4.0, 8.11.2023. https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/1f641e4edaf5c5d5a5114ee69146ba459a7da6b3/S3-Leitlinie+Demenzen_Langversion_2023_11_28_Final+%28003%29.pdf (16.11.2025).
DGN e.V. & DGPPN e.V. (Hrsg.). (2025). S3-Leitlinie Demenzen, Version 5.2, 17.07.2025. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013, (16.11.2025).
Evans-Lacko, S., Aguzzoli, E., Read, S., Comas-Herrera, A. & Farina, N. (2024). World Alzheimer Report 2024: Global changes in attitudes to dementia. Alzheimer’s Disease International. https://www.alzint.org/u/World-Alzheimer-Report-2024.pdf (16.11.2025).
Gauthier, S., Rosa-Neto, P., Morais, J.A. & Webster, C. (2021). World Alzheimer Report 2021: Journey through the diagnosis of dementia. Alzheimer’s Disease International. https://www.alzint.org/resource/world-alzheimer-report-2021/ (16.11.2025).
Kontakt
Prof. Dr. Alexandra Wuttke
Klinische Psychologie und Psychotherapie des höheren Lebensalters
Fachbereich Psychologie
Universität Konstanz
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