Kritischer Zwischenruf zum Themenheft “Zwischen Aufbruch und Abschied”

Christian Sell (Berlin):

Zwischen feindlicher Übernahme und Selbstreferenzialität

Zur Anschlussfähigkeit psychodynamischer Psychotherapieforschung (Abstract) (PDF)

Psychoanalyse und psychodynamische Therapiemethoden haben ein gespaltenes Verhältnis zur Psychotherapieforschung und deren empirischen Nachbardisziplinen. Viele Psychodynamikerinnen sind Forschung gegenüber sehr aufgeschlossen. Gleichzeitig gibt es erhebliche Skepsis, ob zentrale Aspekte der psychodynamischen Therapie – etwa die Arbeit mit den unbewussten Dynamiken der therapeutischen Beziehung – überhaupt angemessen erfassbar sind. Damit verbindet sich die Sorge, dass diese Dimensionen im wissenschaftlichen Diskurs zu wenig berücksichtigt werden und der genuin psychoanalytische Beitrag an Boden verliert. Eine Diskussion um diese Punkte kam im vergangenen Jahr auch in der Psychotherapie im Alter (PiA) auf. In Heft 3/24 antwortete Meinolf Peters (2024) mit seinem Kommentar »Plädoyer für eine empirische Öffnung der psychodynamischen Alterspsychotherapie« auf zwei zuvor erschienene Beiträge von Martin Teising (2024a) und Eike Hinze (2024a). Peters’ Text erschien wiederum zusammen mit Erwiderungen von Hinze (2024b) und Teising (2024b). Während Teising (2024a) und Hinze (2024a) befürchten, dass psychoanalytische Perspektiven zu wenig Beachtung finden und Kasuistiken zugunsten verhaltenswissenschaftlicher Zugänge zurücktreten, sieht Peters trotz ähnlicher Sorgen Potenzial in einer stärkeren Hinwendung zur außerpsychoanalytischen Forschung.

Ich halte diese Kontroverse für sehr relevant und verstehe den Dissens so, dass jede Seite jeweils eine Gefahr für die psychodynamische Therapieforschung markiert. Überspitzt lassen sich diese als »feindliche Übernahme« einerseits und »Selbstreferenzialität« andererseits benennen. Beide Sorgen sind berechtigt – und es braucht einen Weg dazwischen.

Mit »feindlicher Übernahme« ist gemeint, dass psychodynamische Verfahren zunehmend innerhalb eines verhaltenswissenschaftlich geprägten Rahmens beurteilt werden und komplexe unbewusste Prozesse drohen, aus dem Blick zu geraten. Der Philosoph Günter Abel (2012) geht davon aus, dass es ganz allgemein eine irreduzible Vielfalt der Wissensformen gibt – sprachlich-propositionale Erkenntnisse einerseits, aber andererseits zum Beispiel auch nicht-begriffliches, implizites oder an sinnliche Modalitäten gebundenes Wissens. Diese Wissensformen haben eigene Evidenzweisen; ihre Wechselwirkungen sind noch wenig verstanden. Dieser Gedanke lässt sich leicht auf die psychotherapeutische Praxis beziehen. Fragen wir eine Alterspsychotherapeutin, worauf sie sich in der Arbeit mit ihren Patientinnen verlässt, bekommen wir erwartbarerweise eine Vielzahl von Antworten. Zum einen nennt sie vielleicht Störungswissen oder Behandlungstheorie, zum anderen aber wohl auch klinische Erfahrung, die Fähigkeit, auszuhalten, und ihr intuitives Wissen um eigene Reaktionsbereitschaften.

Ich habe vorgeschlagen, Unterschiede zwischen Therapieschulen auch als Unterschiede in ihren Wissenskulturen zu verstehen, also in den Praktiken und Prinzipien, anhand derer sie Wissen erzeugen und prüfen (Sell & Warsitz, 2018). Im Vergleich zeigt sich: Psychoanalyse und die verhaltenstherapeutisch dominierte, messende Psychotherapieforschung unterscheiden sich mit Blick auf die in ihnen kultivierten Wissensformen im Sinne Abels. Viele Psychotherapieforscherinnen streben wesentlich nach gesetzesförmigen Aussagen über therapeutische Prozesse, z.B. Aussagen über Wirksamkeit oder Prädiktoren des Behandlungserfolgs. In der psychoanalytischen Wissenskultur hingegen finden wir ein »Denken in Fällen« (Guggenheim et al., 2016). Psychoanalytikerinnen befassen sich immer wieder mit den Beziehungsdynamiken und dem damit einhergehenden subjektiven Erleben in ihren Behandlungen. Sie tun dies nicht vorrangig, um Regelhaftigkeiten abzuleiten, sondern um als Analytikerin vertrauter mit unbewusster Kommunikation zu werden. Psychoanalytikerinnen streben vor allem nach fallbasiertem Wissen und nach Begriffen, mit denen sie dessen Besonderheiten denken können. Dieses, viel stärker implizite Wissen wird durch eine Kultur der Fallarbeit kultiviert.

In der gegenwärtigen Psychotherapieforschung dominieren Wirksamkeitsstudien und Aussagen über den Zusammenhang quantitativer Variablen im Mittel. Die psychoanalytische Wissenskultur denkt jedoch nicht primär in Mittelwerten. Sie denkt in Einzelfällen und legt einen starken Fokus auf die innere Welt der Therapeutinnen. Es ginge also tatsächlich etwas verloren, wenn alle Therapieformen nur nach den Prinzipien der gegenwärtig vorherrschenden Therapieforschung untersucht würden. Anders ausgedrückt: Psychodynamikerinnen stellen andere Fragen als die meisten Therapieforscherinnen, nämlich Fragen nach dem intersubjektiven Geschehen einer Behandlung – und was sich daraus für andere Behandlungen lernen lässt. So verstehe ich Hinzes (2024b) Hinweis, dass in den besonderen Gegenübertragungsdynamiken ein bislang unerforschtes Spezifikum der Alterspsychotherapie liegen könnte, und Teisings (2024b) Forderung nach einer dyadisch orientierten Prozessforschung. Diese Fragen wollen sie im Fachdiskurs lebendig halten.

Auf der anderen Seite steht die Gefahr der Selbstreferenzialität der psychoanalytischen Wissenskultur. Psychoanalyse stützt sich zu einseitig auf ihre eigenen Erkenntniswege, bezieht wenig andere Methoden und außerpsychoanalytisches Wissen ein. Psychoanalytische Falldarstellungen und Theorien finden außerhalb der psychodynamischen Community kaum Resonanz. Psychodynamische Forschung droht, sich einzukapseln.

Ich möchte daher mit einer Erweiterung von Peters’ (2024) Plädoyer für einen »doppelten Blick« (S. 320) schließen. Abel (2012) spricht vom Wechselspiel der Wissensformen in der Praxis. Für eine unserer Praxis angemessene Psychotherapieforschung sollten wir in diesem Sinne nicht nur beide Wissenskulturen im Blick haben, sondern den Blick dynamisch zwischen ihnen bewegen. So können neue Möglichkeiten für eine anschlussfähige und zugleich genuin psychodynamische Forschung entstehen. Ein Weg zwischen feindlicher Übernahme und Selbstreferenzialität zeigt sich etwa dort, wo die quantifizierende Therapieforschung durch systematische Einzelfallstudien ergänzt wird, in denen Veränderungsprozesse über die methodisch geleitete Analyse von Stundentranskripten nachvollziehbar werden (Stormoen et al., 2023), oder wo in Wirksamkeitsstudien Veränderungen der Bindungsrepräsentanz als zentrales Ergebnismaß erfasst werden (Levy et al., 2006).

Literatur

Abel, G. (2012). Knowledge research: Extending and revising epistemology. In G. Abel & J. Conant (Hrsg.), Rethinking Epistemology. Bd. 1 (S. 1–54). De Gruyter.

Guggenheim, J.Z., Hampe, M., Schneider, P. & Strassberg, D. (2016). Im Medium des Unbewussten: Zur Theorie der Psychoanalyse. Kohlhammer.

Hinze, E. (2024a). Welche Entwicklung der letzten 20 Jahre halte ich für bedeutsam für »Psychoanalyse und Alter«? Psychotherapie im Alter, 21(1), 13–14.

Hinze, E. (2024b). Replik zum Beitrag von Meinolf Peters: »Plädoyer für eine empirische Öffnung der psychodynamischen Alterspsychotherapie« Psychotherapie im Alter, 21(3), 323–325.

Levy, K.N., Meehan, K.B., Kelly, K.M., Reynoso, J.S., Weber, M., Clarkin, J.F. & Kernberg, O. F. (2006). Change in attachment patterns and reflective function in a randomized control trial of transference-focused psychotherapy for borderline personality disorder. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 74(6), 1027–1040.https://doi.org/10.1037/0022-006X.74.6.1027

Peters, M. (2024). Plädoyer für eine empirische Öffnung der psychodynamischen Alterspsychotherapie. Psychotherapie im Alter, 21(3), 317–320.

Sell, C. & Warsitz, R.-P. (2018). Dialektik der Psychotherapieforschung. Forum der Psychoanalyse, 34, 419–439. https://doi.org/10.1007/s00451-017-0286-7

Teising, M. (2024a). Welche Entwicklung der letzten 20 Jahre halte ich für bedeutsam für die Alterspsychotherapie? Psychotherapie im Alter, 21(1), 21–22.

Teising, M. (2024b). Replik zum Beitrag von Meinolf Peters: »Plädoyer für eine empirische Öffnung der psychodynamischen Alterspsychotherapie« Psychotherapie im Alter, 21(3), 321–322.

Stormoen, H.R., Nissen-Lie, H.A., Hillestad Hoff, C. & Strømme, H. (2023). »Detoxification« of destructive clinical material in psychodynamic psychotherapy: A case study of how the therapists’ interpersonal skills are used in a challenging treatment case with a successful outcome. Counselling Psychology Quarterly, 37(4), 651–672. https://doi.org/10.1080/09515070.2023.2291199

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Jun.-Prof. Dr. Christian Sell
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