Kritischer Zwischenruf zum Themenheft “»When I’m Sixty-Four«”
Meinolf Peters (Marburg):
Nach der Reise ist vor der Reise
Einige persönliche und philosophische Anmerkungen zum Reisen im Alter (Abstract) (PDF)
Schon vor dem letzten Arbeitstag werden die Koffer gepackt: Kaum endet das Berufsleben, gibt es kein Halten mehr, der lang ersehnte Tag des großen Aufbruchs ist gekommen. Vermutlich wurden schon lange zuvor unzählige Internetseiten durchforstet, um die besten und attraktivsten Reiseziele ausfindig zu machen. Ältere reisen gern und viel, und die Babyboomer, die jetzt in Rente gehen, werden noch mehr reisen, schon jetzt überschwemmen sie die Touristenorte, die den Ansturm kaum noch zu bewältigen vermögen. Ist das die neue Norm? Falle ich ganz aus dem Rahmen, wenn ich mich diesem Massenphänomen entziehe?
Ich gebe zu, dass ich dieses Geschehen, das ich auch um mich herum beobachte, mit einem gewissen Unbehagen verfolge. Muss das alles sein, denke ich dann, fällt denen nichts anderes ein, ist es wirklich sinnstiftend für den neuen Lebensabschnitt? Ich neige durchaus gelegentlich zu despektierlichen Gedanken, wie ich zugeben muss, und tue dabei vermutlich manchem Unrecht, weil die Motive vielfältiger sind; doch manchmal sind Zuspitzungen unumgänglich. Vielleicht, so denke ich, dient das Reisen ja der sozialen Distinktion. Wenn der Beruf nicht mehr Träger des sozialen Ansehens und des gewonnenen Status ist, könnte das Reisen diese Funktion übernehmen. Aber was ist mit der Umwelt, mit dem riesigen CO2-Fußabdruck, den die Reisenden hinterlassen? Ist das nicht unverantwortlich? Und was ist mit all denen, die sich Reisen einfach nicht leisten können – das sind sehr viele – und mit denen, deren Gebrechlichkeit es nicht mehr zulässt? Und ich frage mich, ob das Reisen lediglich zu einem flüchtigen Glück, aber nicht zu dauerhafter Lebenszufriedenheit führt? Auch ich verreise gern, doch naheliegende, auch schon bekannte Ziele reichen mir. So fahre ich immer wieder auf meine Lieblingsinsel, wo ich manchmal mehrere Wochen verbringe, obwohl dort nichts los ist. Die langen Strände genügen mir, dort entlangzulaufen erfordert nicht nur äußere Bewegung, sondern geht mit innerer Bewegung einher, als ob das Leben irgendwo zwischen Himmel und Erde neu justiert wird. Scheinbar ist es immer das Gleiche und doch jedes Mal anders. Dagegen ist mir die Vorstellung ein Graus, in ein anderes Land zu reisen mit der Aussicht, dass dort 20 Kirchen darauf warten, besichtigt zu werden. Bloß nicht, denke ich mir dann. Auch stoßen mich die Massen ab, die heute überall anzutreffen sind. So würde ich gern mal wieder Amsterdam erleben, einen der Hotspots meiner Jugend, doch all das, was ich darüber lese, schreckt mich ab; nein, ich möchte nicht dorthin. Aber hinter meiner Verweigerung steckt auch ein gewisser Widerstand, mich dieser neuen Norm zu unterwerfen, und ich glaube nicht daran, dadurch mehr Erfüllung und Lebenssinn in meinem Alter zu finden.
Dann stieß ich auf das Buch von Eva von Redecker (2023), einer jungen Philosophin, das mich sofort elektrisierte, denn es trägt den Titel Bleibefreiheit, ein Begriff, der so manches auf den Kopf stellt. Die Autorin entwickelt darin die These, dass wir Freiheit gerade deshalb zu gewinnen vermögen, weil wir bleiben können, wer und wo wir sind, und uns nicht dauernd nach einem alternativen Zuhause, einer extravaganten Lebensform oder einem fernen Reiseziel umsehen müssen. Damit entwirft sie einen neuen Freiheitsbegriff. Freiheit, so von Redecker, sei in der westlichen Tradition, angefangen bei Thomas Hobbes, untrennbar mit Bewegungsfreiheit verknüpft worden. Dieses Verständnis von Freiheit passt in unsere Zeit, verbindet es sich doch mit Wachstum, Fortschritt und vor allem mit Mobilität. Doch komme man irgendwo an, stelle sich sofort die Frage, ob man denn jetzt am richtigen Ort sei. Bleibefreiheit hingegen sei auf einen solchen Vergleich nicht angewiesen: Die Freiheit zu bleiben könne zu einem Aufatmen führen, befreit vom ständigen Drang, neu aufzubrechen. Ich fühle mich bei diesen Worten an den Philosophen Odo Marquard erinnert, der angemahnt hatte, den »kleinen Sinn« nicht zu verachten, also die Gewohnheiten und Rituale, die täglichen Verrichtungen und das, was uns unmittelbar umgibt. Das, so Marquard, reiche normalerweise aus, das Leben zu führen, ja diese kleinen Sinneinheiten seien im Zweifelsfall wichtiger als die großen Sonntagsgefühle, »die Hochgestimmtheit und Erfüllungsverzückung, die man dankbar in Kauf nehmen könne, wenn sie denn nicht allzu sehr stören, aber es geht auch ohne sie«, so Marquard (1986, S. 49). Geht es auch im Alter ohne sie?
Schließlich verknüpft von Redecker Bleibefreiheit mit Zeit, d.h. sie verlagert den Freiheitsbegriff von der räumlichen auf eine zeitliche Achse. Es sei viel schwieriger, sich die Zeit im Geiste zu vergegenwärtigen als im Raum, schließlich sei Zeit keine Kategorie der Anschauung, sondern des Erlebens. Gelinge es, die Zeit zu füllen, könne man bleiben, ohne unfrei zu werden, so von Redecker. Dieses von der Autorin eingebrachte neue Verständnis von Freiheit verbindet sich mit Stabilität, Zugehörigkeit und Verbundenheit; Werte mithin, die im Alter an Bedeutung gewinnen, und mit Langsamkeit, die eine neue Lebensqualität verspricht und in der ein verändertes In-der-Zeit-Sein zum Ausdruck kommt (Peters, 2002). Bleibefreiheit verweigert den Ausstieg aus der Zeit, so von Redecker: »Indem man nur den Raum der Gegenwart vermisst, macht man den Tod unsichtbar« (ebd., S. 46) und akzeptiert ihn doch gleichzeitig als Teil des Lebens.
Als ich das Wort Bleibefreiheit erstmals vernahm, hat es mich gleich erfasst und eine Fülle von Assoziationen ausgelöst. Sofort hatte ich das Gefühl, dass hier etwas auf einen Begriff gebracht wird, das mich schon seit geraumer Zeit umgetrieben hat bei meiner eigenen Suche nach einem guten Leben im Alter. Ich fühlte mich erleichtert, es verschaffte mir eine zusätzliche Legitimation für meine Haltung, die keineswegs von allen akzeptiert beziehungsweise verstanden wird. Der Begriff setzt einen völlig anderen Akzent, ist ein Gegenentwurf oder – besser – eine Erweiterung dessen, was heute allgemein unter Freiheit verstanden wird. Er verweist auf unterschiedliche Facetten von Freiheit und überwindet seine Verengung auf Bewegungsfreiheit. Und wenn von Redecker Bleibefreiheit mit Zeitlichkeit verknüpft, dann könnte darin auch ein Schlüssel liegen, denn Zeitlichkeit verbindet sich notwendigerweise mit Tod. Um dem zu entgehen, kann man sich ins Räumliche flüchten und dort die Freiheit suchen. Unentwegtes Reisen könnte also genau darin einen Sinn finden. Somit beinhaltet Bleibefreiheit gleichzeitig den Appell, nicht vor der Sterblichkeit zu fliehen.
Natürlich wähle auch ich gelegentlich ein Reiseziel, das »Sonntagsgefühle« verspricht, und ja, sollen die Alten doch reisen, wenn es sie danach drängt. Zwar haben sie einen doppelt so hohen CO2-Fußabdruck wie Jüngere, doch dabei spielt nicht das Reisen die allein ausschlaggebende Rolle, sondern auch ihr Lebensstil, z.B. die großen Häuser, in denen einige wohnen (Zheng et al., 2022). Es geht nicht um Dogmen, es geht um innere Reflexionsfreiheit und darum, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass das Bleiben ohnehin ein Element des Alters ist, beziehungsweise wird, wenn Krankheiten und Altersgebrechen die Reisemöglichkeiten immer weiter einschränken. Freiheit lässt sich dann immer weniger in der räumlichen Dimension gewinnen, sondern nur noch als innere Freiheit, als Freiheit der Gedanken und der inneren Bilder. »Wenn man sich kaum mehr fortbewegen kann, muss man eben von den inneren Bildern leben«, stellte der Psychoanalytiker Helmut Luft (2021) Im Alter von 100 Jahren lakonisch fest.
Neulich rief mich eine 80-jährige Kollegin an und bat um ein paar Therapiesitzungen. Auf meinen Hinweis, dass ich keine Abrechnungsmöglichkeiten mehr hätte, antwortete sie, sie wolle das ohnehin selbst zahlen. Ihre Freundinnen gäben ihr ganzes Geld für Reisen aus, sie wolle zu sich reisen und sich ihr Leben noch einmal anschauen, das sei ihr das Geld wert. Ich bot ihr sofort einen Termin an.
Literatur
Luft, H. (2021). Träume des Alters. Abgründe und Ängste, Hoffnungen und Glück. Brandes & Apsel.
Marquard, O. (1986). Zur Diätetik der Sinnerwartung. Philosophische Bemerkungen. In ders., Apologie des Zufälligen (S. 33–54). Reclam.
Peters, M. (2002). Aktives Altern oder die ›Entdeckung der Langsamkeit‹. In M. Peters & J. Kipp (Hrsg.), Zwischen Abschied und Neubeginn. Entwicklungskrisen im Alter (S. 87–103). Psychosozial-Verlag.
von Redecker, E. (2023). Bleibefreiheit. Fischer.
Zheng, H., Long, Y., Wood, R., Moran, D., Zhang, Z., Meng, J., … & Guan, D. (2022). Ageing society in developed countries challenges carbon mitigation. Nature Climate Change, 12(3), 241–248.
Kontakt
Prof. Dr. Meinolf Peters
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