2026 Heft 2: Was gibt’s Neues?
Elmar Stracke & Alexandra Wuttke
»Alter, was geht?« Ein Gespräch mit Elmar Stracke zu seinem Podcast über Altersbilder, Demografie und gesellschaftliche Perspektiven
Podcasts haben sich in den letzten Jahren als populäres und niederschwelliges Medium etabliert, um komplexe Themen einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Sie bieten eine wertvolle Möglichkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse, gesellschaftliche Entwicklungen und persönliche Perspektiven miteinander zu verbinden.
Das Altern ist ein multidimensionaler Prozess, der biologische, psychologische, soziale und kulturelle Aspekte umfasst. In öffentlichen Debatten wird es jedoch häufig stark vereinfacht dargestellt – sei es in Form von Defizitmodellen, die Altern primär mit Krankheit und Abhängigkeit verknüpfen, oder in Form von idealisierten Bildern ewiger Jugend. Podcasts können hier eine Brücke schlagen: Sie eröffnen Räume für differenzierte Diskussionen und vermitteln Wissen in einem Format, das sowohl informativ als auch persönlich ist. Zudem ermöglichen sie einen niedrigschwelligen Zugang zu neuen Forschungsergebnissen und regen zugleich zur Reflexion gesellschaftlicher Narrative über Alter und Altern an.
Inzwischen gibt es eine wachsende Zahl von Podcasts, die sich explizit mit diesen Themen befassen – von medizinisch-therapeutischen Perspektiven über historische und soziologische Ansätze bis hin zu persönlichen Erfahrungsberichten. Einer dieser Podcasts ist »Alter, was geht?«[1], der von Elmar Stracke entwickelt wurde. Er verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit historischen Einordnungen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Im folgenden Interview spricht Elmar Stracke über die Entstehung seines Podcasts, überraschende Erkenntnisse aus seiner Arbeit und darüber, warum es wichtig ist, das Thema Altern aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten.
Psychotherapie im Alter (PiA): Herr Stracke, Sie haben den Podcast »Alter, was geht?« ins Leben gerufen, der sich mit dem Thema Altern in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschäftigt. Was hat Sie dazu motiviert?
Elmar Stracke (ES): Während meiner eigenen Forschung bin ich immer wieder auf gesellschaftliche Vorstellungen gestoßen, die sich als unzutreffend herausgestellt haben. Viele Klischees über Alter, Rente und den Umgang zwischen den Generationen spiegeln weniger die tatsächlichen Zustände wider, sondern vielmehr unsere eigenen Wünsche und Ängste in Bezug auf die eigene Zukunft. Ich wollte dieses Wissen nicht nur in Fachkreisen diskutieren, sondern es einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. So entstand die Idee zu einem Podcast, in dem ich allein oder gemeinsam mit Gästen aus Wissenschaft, Politik, Journalismus und Ehrenamt verschiedene Aspekte des Alterns beleuchte. Ziel ist es, Denkanstöße zu geben, Debatten anzuregen und Perspektiven für den Umgang mit den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft aufzuzeigen.
PiA: Ihr Podcast trägt den Titel »Alter, was geht?«. Was erwartet die Hörerinnen und Hörer?
ES: Das Spektrum ist sehr breit. Wir beschäftigen uns mit philosophischen, soziologischen, historischen und politischen Fragen rund um das Thema Altern. Ein Beispiel: In einer Folge betrachten wir die unterschiedlichen Konzepte von Alter in der griechischen Antike und im Römischen Reich. Während in Sparta ältere Menschen eine herausgehobene Stellung hatten, wurden sie im antiken Athen häufig abgewertet. In Rom hingegen galt Alter zumindest für bestimmte gesellschaftliche Gruppen, etwa gesunde, wohlhabende Männer im Senat, als ein Idealzustand.
Wir behandeln auch aktuelle gesellschaftliche Fragen wie etwa die Geburtenrate und den demografischen Wandel. Dabei zeigt sich immer wieder, dass politische Steuerung vor allem nach oben begrenzt ist. Selbst dem NS-Regime, dessen kleinteilige Familienpolitik mit viel Druck und großzügigen Anreizen Kinderreichtum bewirken sollte, gelang es nicht, die Geburtenrate anhaltend auf mehr als zwei Kinder pro Frau zu steigern. China konnte zwar über die Ein-Kind-Politik die Zahl der Kinder reduzieren, schafft es aber nicht, sie wieder zu erhöhen. Industrialisierte Gesellschaften pendeln sich langfristig immer unter zwei Kindern pro Frau ein.
PiA: Auch unter den Industrieländern sind die Unterschiede bei der Geburtenrate gewaltig. Womit kann man das erklären?
ES: In der Tat ist es eine spannende Frage, warum Frauen in Frankreich im Schnitt 1,9 Kinder bekommen und in Südkorea nur 0,7 Kinder. Entscheidend sind, wie die Folge »Demografischer Wandel und die Pfade der verschmähten Geburt« zeigt, vor allem stabile Zukunftsperspektiven – wirtschaftliche Sicherheit, soziale Absicherung, Bezahlbarkeit des Lebens und eine verlässliche Infrastruktur für Familien. Dazu zählt übrigens auch ein Aspekt, den ich früher nicht so deutlich im Blick hatte: der Wohnungsmarkt. Ob Niederlande, Türkei oder Südkorea – aus all diesen Ländern haben meine Gäste berichtet, dass Paare weniger Kinder bekommen, weil größere Wohnungen für sie nicht bezahlbar sind. Auch in Deutschland ist das ein wichtiger Faktor, vor allem in teuren Ballungsräumen.
PiA: Das klingt sehr vielschichtig. Können Sie ein Beispiel für eine besonders überraschende Erkenntnis nennen, die Sie im Rahmen des Podcasts vermittelt haben?
ES: Ein besonders eindrückliches Beispiel betrifft das Thema Altersbilder. Frau Prof. Verena Klusmann hat in einer Folge überzeugend dargelegt, dass ein positives Altersbild die Lebenserwartung um bis zu 13 Jahre verlängern kann – ein Effekt, der sogar stärker ist als der Einfluss des Rauchens! Das zeigt, wie sehr unsere innere Haltung zum eigenen Altern unser Leben prägen kann – und dass wir unser späteres Ich auch schon in jungen Jahren gut behandeln sollten.
Ein anderes Beispiel ist die Frage, was »Alter« überhaupt bedeutet. Es gibt verschiedene Dimensionen – kalendarisches, biologisches, soziales und existenzielles Alter. Wer in einer Kategorie als »alt« gilt, kann in einer anderen »jung« sein. Mit der Geburt des ersten Kindes verändert sich zum Beispiel das soziale Alter, während sich das kalendarische Alter nicht ändert. Diese Unterscheidungen helfen, differenzierter über Altern zu sprechen.
PiA: Ihr Podcast deckt ein breites Themenspektrum ab. Welche Rolle spielt der Blick in die Vergangenheit für das Verständnis aktueller Herausforderungen?
ES: Ein historischer Blick relativiert viele aktuelle Debatten. Die Diskussion um Rentensysteme etwa lässt sich besser einordnen, wenn man ihre Ursprünge kennt. Das erste gesetzliche Rentensystem in Deutschland wurde 1889 eingeführt – damals in Verbindung mit der Invalidenversicherung. Interessanterweise wurde die Altersrente kurz darauf wieder herausgelöst. Menschen, die 70 Jahre alt wurden, galten als so privilegiert, dass man ihnen keine zusätzliche Rente zugestehen wollte. Wer so viel Glück hat, braucht nicht noch eine Rente dazu, sagte man. Noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Altersgrenzen nie Selbstzweck und schon gar nicht Indiz für Lebensleistung, sondern immer nur eine in eine leicht messbare Zahl gegossene Umschreibung für körperlichen Verschleiß. Dass diese Korrelation zwischen Alter und körperlichen Fähigkeiten heutzutage keinesfalls mehr so eng wie früher ist, ist auf vielen Ebenen ein Grund zur Freude.
PiA: Inwiefern kann Ihr Podcast für die Leserinnen und Leser der Psychotherapie im Alter interessant sein?
ES: Der Podcast liefert fundierte Fakten, aber auch Denkanstöße, um diese Themen in Therapiegesprächen aufzugreifen oder sie in der eigenen Arbeit zu reflektieren.
PiA: Wo können Interessierte den Podcast finden?
ES: »Alter, was geht?« ist über alle gängigen Podcast-Plattformen verfügbar – etwa Spotify, Apple Podcasts oder YouTube. Der unten abgedruckte QR-Code führt direkt zur richtigen Stelle.
PiA: Herr Stracke, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Alexandra Wuttke (Konstanz)
Infokasten: Überraschende Fakten aus »Alter, was geht?«
– Ein positives Altersbild kann die Lebenserwartung um bis zu 13 Jahre verlängern – ein Effekt, der stärker ist als der Einfluss des Rauchens (Folge 29).
– In Sparta hatten ältere Menschen einen sehr hohen gesellschaftlichen Status, während sie im antiken Athen häufig abgewertet wurden (Folgen 1 und 2).
– Die Lebenserwartung in Deutschland variiert stark: Reiche Menschen leben im Schnitt sechs Jahre länger als arme, und Menschen in München fünf Jahre länger als in Bremerhaven (Folge 25).
– Die Geburtenrate in Deutschland fiel bereits in den 1920er Jahren unter zwei Kinder pro Frau (Folge 16).
– Die moderne Demografie wurde am 4. Februar 1662 durch den Londoner Tuchhändler John Graunt begründet (Folge 44).
– Ein Vergleich von Nonnen und Mönchen zeigt, dass Frauen nicht biologisch, sondern aufgrund unterschiedlicher Lebensstile länger leben (Folge 19).
– Die körperliche Vitalität von Mitte-60-Jährigen heute entspricht der von Mitte-50-Jährigen im Jahr 1950, gemessen an der Handkraft (Folge 22).
Der Interviewte
Elmar Stracke, Jg. 1992, Dr. Phil., M.Sc. in Comparative and Social Policy, hat zu moralphilosophischen Fragen des Alters promoviert. Seine Dissertation Die moralische Zulässigkeit kalendarischer Altersgrenzen im Rentensystem (Open Access im wbv Verlag) hat den Forschungspreis des Forschungsnetzwerks Alterssicherung der Deutschen Rentenversicherung 2023 erhalten. Er ist Host des Podcasts »Alter, was geht?«, Fellow am Zentrum für neue Sozialpolitik und Science Slammer. Er publiziert zu den Themen Demografie, Sozialstaat, Rente und alternde Gesellschaft.
E-Mail: kontakt@elmar-stracke.de
[1] https://elmar-stracke.de/alter-was-geht-2/ (25.03.2026).
