Zum Titelbild Uhr ohne Zeiger
Bertram von der Stein
Eine Uhr ohne Zeiger ist ein Symbol für Orientierungslosigkeit. Schon kleine Fehlleistungen und Gedankenblockaden im Alltagsleben können irritieren. Jeder weiß, wie quälend und lästig die Suche nach einem verlegten Gegenstand sein kann oder wenn einem der Name einer Person nicht einfallen will. Bei Gesunden sind diese Erlebnisse oft Blockaden, die sich mit unbewussten Widerständen erklären lassen. Der Sprung von Nicht-Können zu Nicht-Wollen ist klein und dessen Bewusstwerdung ermöglicht dann die Erinnerung.
Bei Demenzen erfahren Personen, dass ihre Erinnerungslücken ganz anderer Qualität sind. Die Ordnung löst sich auf, die Ordnung eines Zeitgitters geht verloren, Eindrücke und Assoziationen können nicht zugeordnet werden, Desorientierung macht Angst, Angst führt zu Ohnmachtsgefühlen, die wiederum durch Aggressionen abgewehrt werden. Die Kontrolle der Affekte geht verloren. Verbunden mit Funktionseinbußen ist meist eine Selbstwertkrise, die alte Selbstzweifel reaktivieren kann, einhergehend mit der Angst, verlassen zu werden. Eine Demenzdiagnose ist häufig ein niederschmetternder Paukenschlag und totale Resignation oft eine erste panische Reaktion, die den Blick auf Ressourcen, Handlungsmöglichkeiten und Lebensqualität verstellt.
Aber bezieht sich das nur auf Menschen mit Demenz?
Angehörige und Partner kommen an die Grenzen ihrer Belastungsfähigkeit, können zu Opfern der ungesteuerten Aggressivität der Menschen mit Demenz werden und sind oft allein gelassen. Manchmal verlieren sie den Blick für die Grenzen der eigenen Hilfsmöglichkeiten. Oft ordnen sie Vergesslichkeit und Ungeschicklichkeit, mit der Folge entwürdigender Beschimpfungen, falsch ein.
Orientierungslos sind nach wie vor viele Behandler verschiedener Berufsgruppen: So wird bei Verwirrtheitszuständen oft nicht auf Herz-Kreislauferkrankungen, eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr oder Schilddrüsenfunktionsstörungen geachtet, mnestisch-kognitive Defizite werden bei einer Depression als Demenz fehlinterpretiert, Benzodiazepinüberdosierungen und Suchtentwicklungen, ein Hirntumor oder eine neurologische Systemerkrankung übersehen. Kopflose medikamentöse Polypragmasie kann Verwirrtheitszustände fördern.
Mangelnde Vernetzung, ein altbekanntes Phänomen, wird durch Personalmangel in Altenheimen und in der hausärztlichen Versorgung nicht besser, trotz wissenschaftlichen und technischen Fortschritts.
Ebenfalls nicht neu, aber angesichts knapper Kassen zugespitzt, ist die Frage nach dem Nutzen von teuren Therapiemaßnahmen. Wird sie einseitig ökonomisch gestellt, wird sie schnell unethisch. Sind Menschen mit Demenz nutzlos? Diese Frage berührt einen Tabubereich und sollte umformuliert werden in die Frage: Was nützt oder hilft dem Menschen, ganz gleich was es kostet? Politiker, die unreflektiert solche Fragen stellen, ohne die Brisanz des Generationenkonflikts zu bedenken, handeln verantwortungslos. Ethisch moralische Begriffe wie Menschenwürde, Nächstenliebe, Solidarität und Subsidiarität, oft als Leerformeln in politischen Absichtserklärungen und in Leitbildern von Einrichtungen benannt, gewinnen angesichts von Demenzen eine brennende Aktualität. Nur klein ist der Schritt zur Verletzung der Menschenwürde. Er kann sich fast beiläufig durch unachtsame Behandlung, unpassende Unterbringung und den unethischen Umgang mit dem Sterben ereignen. Dazu können auch, mit vermeintlich humanitären Argumenten begründete Forderungen nach Euthanasie gehören.
In vielen Aspekten von Demenzen bedarf es der Orientierung auch von Angehörigen und professionellen Helfern. Als symbolisches Gegenbild zur Uhr ohne Zeiger böte sich ein Kompass an.
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