Zum Titelbild Die Heftherausgeber im »Glashaus«
Bertram von der Stein (Köln)
Das Titelbild zeigt die Heftherausgeber Bertram von der Stein und Reinhard Lindner im Eingang zu einem Glashaus. Beide stehen kurz vor dem Ruhestand und wagen es, ihre eigene aktuelle Lebenssituation zum Titel eines Hefts der »Psychotherapie im Alter« zu machen. Das ist durchaus riskant: »Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen« ist ein Sprichwort, das umschreibt, dass man die eigenen Fehler nicht anderen vorwerfen sollte. Es sagt auch, dass man, ist man selbst von einem Problem betroffen, andere in gleicher Lage dafür nicht kritisieren sollte. Es gibt zudem weitere kritische Binsenweisheiten wie z.B. »Glück und Glas, wie leicht bricht das?«
Solche Gemeinplätze in Bezug auf Ruhestand und Alter sind bekannt, sodass wir uns hier kurzfassen können. Das Leben als Gemischtwarenladen von Chancen, Risiken, Ungerechtigkeiten und vielem mehr, hört mit dem Ruhestand nicht auf. Doch nehmen wir uns heraus, auch und gerade aufgrund der eigenen Betroffenheit nach allgemein Gültigem zu suchen.
Wir haben uns selbstironisierend und unmaßstäblich in den Crystal Palace in London porträtiert, wohl wissend, dass Therapeutinnen und Therapeuten in Bezug auf gute Altersbewältigung in der Regel nicht kompetenter sind als ihre Patientinnen und Patienten. Wir geben vielleicht generell keine Ratschläge, sehen die Probleme anderer aber doch manchmal verzerrt.
Aus intersubjektiver Perspektive begleitet man oft Patienten gerade in dieser Lebensphase und sollte sich bewusst sein, dass die eigenen Begrenztheiten, Selbstüberschätzungen und Selbstzweifel auch Ausdruck der eigenen Wege und Irrwege in den Ruhestand sein können. In unserer Gesellschaft, lange nach der Aufklärung, gehört zum Beispiel das Thema »Autonomie« mit bekannten Floskeln wie »Dafür habe ich mich entschieden« zum Alltag. Doch schnell können sich scheinbar günstige Perspektiven völlig wandeln, wovon auch Therapeutinnen und Therapeuten nicht verschont bleiben. Somit sitzen sie selbst im Glashaus, einem höchst fragilen Gebilde, das mit wenigen Steinwürfen ruiniert werden kann.
Wenn sich Spielräume einengen, ist das kein Anlass zur Resignation, sondern eher zur pragmatischen Bewältigung dessen, was möglich ist. Dies ist dann doch meist mehr, als vordergründig zu erwarten war. Selbst wenn die Ziele kleiner werden, so gibt es doch viele Gestaltungsmöglichkeiten für ein genussvolles Leben.
Kontakt
Prof. Dr. med. Bertram von der Stein
Quettinghofstr. 10a
50769 Köln
E-Mail: dr.von.der.stein@netcologne.de
