Fast wie ein Traumbild (PDF)
Bertram von der Stein† (Köln)
Es gibt vermeintlich selbsterklärende Träume, meist mit plakativen Symbolen angereichert, die Betrachter einerseits dazu verführen, voreilige Schlüsse vom manifesten auf den latenten Inhalt zu ziehen. Andererseits skizzieren diese Träume existenzielle Binsenweisheiten, über die mit Selbstbezug zu reflektieren immer lohnend ist.
So ähnlich verhält es sich mit dem Titelbild, einer Montage von Christopher Cohen (Hamburg) auf der Basis freier Bilder aus dem Netz. Was ist auf dem Titelbild zu sehen?
Jahreszahlen, die den Beginn des frühen Alters markieren, wurden schon in den 1960er Jahren von den Beatles (»sixty-four«) oder Udo Jürgens (»66 Jahre«) besungen. Die populären Schlagertexte beinhalten Hoffnungen und Befürchtungen: Es sei noch lange nicht Schluss; ob man in diesem Alter noch geliebt oder gar verlassen werde. Auch sei auf den Schlager Forever Young der deutschen Band Alphaville (1984) hingewiesen, der den Wunsch zeitlos attraktiv, aktiv und letztlich unsterblich zu sein zum Ausdruck bringt.
Die auf neun Uhr oder, bei nicht genauem Hinsehen, auf viertel vor zwölf eingestellte Taschenuhr, ein Utensil älterer Männer, zeigt die vom medizinischen Fortschritt getragenen Hoffnungen vieler gewonnener Jahre.
Im Hintergrund befinden sich Wolken, Symbole für Illusionen. Illusionen sind bekanntermaßen Umstände, die zwar eintreten können, aber relativ unwahrscheinlich sind. Für einige junge Alte entsteht der Zwang, ideale Beziehungen, Liebe, berufliche Erfolge oder Reiseerlebnisse unter Zeitdruck nachholen zu wollen, was sich als tragische Illusion erweisen kann.
Auch die Blumen, die für Liebe, Gratifikationen und glückliche Erlebnisse stehen können, die oft im Leben spärlich oder gar nicht eintraten, können schnell verwelken.
Das Auge kann mehrfach determiniert sein: Man könnte es als wachsames Auge verstehen, die neuen Chancen maßvoll zu nutzen und der Gefahr zu widerstehen, weiterhin alles unter eine rigide Erfolgskontrolle zu stellen. Es könnte aber auch das Auge Gottes sein nach dem traditionellen Motto »Der Mensch denkt und Gott lenkt« oder nach dem Lied Wer nur den lieben Gott lässt walten. Im Zuge der prolongierten und modifizierten Aufklärung ist der Autonomiegedanke so weit etabliert, dass bei vielen Menschen Ohnmacht, auch im Alter, nicht eingepreist ist. Wie oft hört man Floskeln wie: »Dann habe ich mich für diesen oder jenen Partner, Beruf, Wohnort entschieden.« Dabei wird ganz unaufgeklärt, unter Überbetonung des freien Willens, die Wirkmacht des Unbewussten übersehen, also die Tatsache, dass wir nicht Herr im eigenen Hause sind.
Ganz im Vordergrund steht die nach wie vor unkalkulierbare Ungewissheit der Zukunft, die niemand beherrschen kann, daher das Fragezeichen. Die meisten weniger neurotischen jüngeren Alten wünschen sich für die Zukunft realistische Ziele: einige Jahre in Gesundheit, gute Erlebnisse mit dem Partner, eine gute Zeit mit Kindern und Enkeln, kreativ sein, sich Reisewünsche erfüllen, ein Ehrenamt bekleiden oder beruflich im zweiten Anlauf eine späte Bestätigung erlangen und vieles andere mehr.
Das Damoklesschwert bleibt: Was ist, wenn man schwer krank wird; was ist, wenn der Partner stirbt, wenn eine neue Partnerschaft erneut enttäuscht, wenn Kinder und Enkel sterben oder sich abwenden; was ist, wenn narzisstische Ziele in Beruf und Ehrenamt abermals nicht erreicht werden?
Die frühere Angst vor dem Alter hat sich auf das sogenannte Vierte Lebensalter verschoben, während das Dritte Lebensalter Chancen für Neuaufbrüche bereithält. Dieser Paradigmenwechsel wird in populären Darbietungen überdeutlich, z.B. in der seit 1977 laufenden Krimiserie Der Alte. Während bisher alle Darsteller des erfahrenen, kurz vor der Pensionierung stehenden Kriminalhauptkommissars sich durch Scharfsinn, Bedächtigkeit und zuweilen Zynismus auszeichneten, aber niemals versuchten, jünger zu erscheinen, ist die aktuelle Kunstfigur – dargestellt von Thomas Heinze, 62 Jahre – ein »Superboomer«: Nach dem Tod seiner Ehefrau macht er einen Neuanfang in München und landet wegen Wohnungsmangels auf einem Campingplatz. Neben seiner verantwortungsvollen Stelle als Leiter der Mordkommission versteht er es locker, der pubertierenden Enkeltochter den abwesenden Vater zu ersetzen, als diese von ihrer überforderten Mutter, einer jungen Ärztin, unbeabsichtigt vernachlässigt wird. Mit einer circa 20 Jahre jüngeren Staatsanwältin beginnt er eine pubertär unbestimmte Beziehung, die er verschämt geheim zu halten versucht, obwohl alle Bescheid wissen. Seine beiden pseudoemanzipierten Assistentinnen hält er auf spröde Distanz, wobei diese ihm in einer Mischung von mütterlicher Besorgnis und Bewunderung begegnen. Bei Einsätzen erweist er sich 30 Jahre Jüngeren gewachsen und überwindet mühelos alle möglichen Barrieren; seine 62 Jahre alten Gelenke halten auch Sprünge aus größerer Höhe aus. Abgesehen davon verfügt er über die Erfahrung und den Scharfsinn seiner Vorgänger. Man kann über diese populistische Kondensierung eines aktiven Altersbildes spotten, aber es sollte nicht übersehen werden, dass gerade in Reflexion von Chancen und Risiken und deren Integration im Sinne eines späten Moratoriums neue Lebensräume eröffnet werden. Dazu gehört auch Todesangst mit allen damit verbundenen Abwehrmustern, einschließlich einer gewissen produktiven »Todeskreativität«, die sich allerdings bei vielen eher in Rastlosigkeit niederschlägt.
Zurück zum Titelbild: Es bringt all diese Gedanken zusammen. Alle Personen, denen ich dieses Bild vorgelegt habe, kamen auf die aufgeführten Ideen. Aber damit ist es nicht genug: Wie in der plakativen Traumdeutung ist nicht jeder Tunnel ein weibliches Genitale, nicht jeder Turm ein Phallus. Es gilt für jeden Einzelnen, genauer für sich zu reflektieren und vom Allgemeinen zum Speziellen zu kommen.
Es geht also um die individuelle Einordnung existenzieller Fragen, die jeden betreffen, hier insbesondere zur Lebensphase 64 plus: Was bezieht sich konkret auf meine Lebenssituation und was auf meine unerfüllten Träume? Im psychoanalytischen Sinne die Fragen nach Wunscherfüllung im Sinne des Realitätsprinzips und im Sinne der Ichstärkung.
Ein Motto des Symposiums war der Begriff Hoffnung: Eine Kardinaltugend und ein Prinzip. Um damit gut umgehen zu können, ist die alte Forderung des »nosce te ipsum« (»Erkenne dich selbst«) gerade im frühen Alter sehr sinnvoll, leiden doch viele an den Neuauflagen ihrer Wiederholungszwänge. Unrealistische infantile Wunscherfüllungsversuche können für manche in tragische Fehlentscheidungen münden: Auswanderungen in sogenannte »Traumparadiese«, die sich schmerzhaft entzaubern; Überschätzung gesundheitlicher Stabilität; überhastet eingegangene neue Partnerschaften, die nach alten Mustern scheitern; Übernahme beruflicher Herkulesaufgaben, deren Anforderungen man zwar intellektuell, aber körperlich nicht mehr gewachsen ist, und vieles mehr.
Aber genug der Unkerei: Dem Prinzip Hoffnung näher kommen kann man sehr gut mit einer begrenzten Psychoanalyse oder tiefenpsychologischen Selbsterfahrung entlang der banalen Fragen: Was will ich und was kann ich realistisch umsetzen? Diese Fragen gelten auch für Psychotherapeuten, für die es hilfreich sein kann, eigene blinde Flecken zu erkennen. Manchmal helfen auch scheinbar banale Schlagermotive oder etwas abgegriffene Volks- und Binsenweisheiten, wenn man bereit ist, sie differenzierter zu durchdringen. Dafür muss aber oft eine gehörige Portion Narzissmus überwunden werden.
Ein generell großer blinder Fleck ist die Begrenzung aller Möglichkeiten und letztlich die Verleugnung des eigenen Todes. Damit gerät man unwillkürlich auf Gebiete der Spiritualität und Religion. Denn das gefürchtete Vierte Lebensalter naht. Durch eine Selbstreflexion sollte auch im Sinne der Intergenerationalität die Verbundenheit mit Menschen in anderen Lebensphasen möglich sein.
Kontakt
Prof. Dr. Bertram von der Stein
Quettinghofstr. 10a
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E-Mail: Dr.von.der.Stein@netcologne.de
